
Auf der Brenner-Autobahn Richtung Süden rauschen die meisten an Sterzing vorbei. Manche tanken, manche essen einen Autobahnkaffee, die wenigsten biegen ab. Dabei lohnt sich genau dieser Abstecher. Sterzing hat knapp 7.000 Einwohner, zählt aber zu den schönsten Kleinstädten Italiens. Das Wipptal drumherum liefert den passenden Rahmen: Laubengänge, Gasthäuser mit Substanz und stille Seitentäler, in denen du stundenlang niemandem begegnest.
Durch die Laubengassen – wie Sterzing beim ersten Spaziergang überrascht
Die Altstadt von Sterzing ist erstaunlich gut erhalten. Bunte Hausfassaden reihen sich an gepflasterten Gassen, der Marktplatz lädt zum Hinsetzen ein. Mittendrin steht das Wahrzeichen: der Zwölferturm, 46 Meter hoch, aus grauem Granit, fertiggestellt um 1472. Seinen Namen verdankt er einer alten Tradition – die Glocke schlägt seit Jahrhunderten pünktlich um zwölf. Er trennt Alt- und Neustadt und gibt dem Stadtbild etwas Unverwechselbares.
Das alles auf überschaubarem Raum. Ein Nachmittag reicht, um die Gassen zu erkunden, und doch bleibt der Eindruck, dass man wiederkommen sollte. Reisende, die dieses Flair direkt vor der Haustür haben möchten, finden in einem Boutique Hotel in Sterzing genau das Richtige. Persönlich geführt, mit Charakter, kein Vergleich zu anonymen Kettenhotels.
Knödel, Speck und ein Joghurt, den du garantiert kennst
Kulinarisch muss sich das Wipptal vor keiner anderen Ecke Südtirols verstecken. In den Gasthäusern stehen Schlutzkrapfen mit Spinat und Ricotta auf der Karte, deftige Speckknödelsuppe und Graukäse aus kleinen Sennereien im Tal. Auf dem Wochenmarkt in Sterzing liegen saisonale Produkte direkt vom Hof, und abends bekommst du einen Vernatsch eingeschenkt, der erstaunlich vielschichtig schmeckt. Die Küche hier ist bodenständig, ehrlich und trotzdem kein bisschen langweilig.
Den Sterzinger Joghurt kennt jeder – seinen Ursprung fast niemand
Der Sterzinger Joghurt ist in Südtirol und Österreich längst ein fester Begriff. Cremig, mild, seit Jahrzehnten nach bewährter Rezeptur hergestellt. Allerdings wissen die wenigsten, dass er tatsächlich aus dem Wipptal stammt. Nur wenige Kilometer von der Brennerroute entfernt hat dieses Milchprodukt seinen Anfang genommen. So geht es dem ganzen Tal: Bekannt aus dem Supermarktregal, aber selten bewusst besucht.
Wandern, Radfahren und eine Passstraße mit echtem Panorama
Rund um Sterzing gibt es für aktive Urlauber reichlich Auswahl. Im Ratschingstal und im Ridnauntal führen markierte Wanderwege über Almwiesen, durch lichte Lärchenwälder und an kleinen Bergseen vorbei. Radfahrer schätzen die Routen entlang der Talsohle – vorbei an Obstgärten, Weilern und alten Höfen. Ein besonderes Erlebnis bleibt die Jaufenpass-Straße. Sie verbindet das Wipptal mit dem Passeiertal, und oben angekommen breitet sich ein Bergpanorama aus, für das du anderswo Eintritt zahlen müsstest. Ähnliche Genusskultur und Lebensfreude, diesmal aus anderen Ecken Italiens, findest du in unserem Beitrag über authentische Orte des Dolce Vita.
Ridnauntal – ein stilles Seitental für Ruhesuchende
Das Ridnauntal zweigt südwestlich von Sterzing ab. Breite Wege führen durch eine Landschaft, die angenehm unaufgeregt daherkommt – kleine Almen am Wegesrand, überschaubares Besucheraufkommen. Am Talende wartet das ehemalige Silberbergwerk Schneeberg auf über 2.000 Metern Höhe. Ein Stück Industriegeschichte mitten in den Bergen, das Wanderung und Kulturbesuch in einem verbindet.
Übernachten abseits vom Trubel
Sterzing zieht keine Reisebusse an. Das liegt an der Lage abseits der großen Touristenmagneten, aber auch am Charakter der Unterkünfte: kleine Pensionen, Ferienwohnungen in historischen Stadtgebäuden, inhabergeführte Häuser mit eigener Geschichte. Dafür bekommst du Gastgeber, die ihren Ort kennen und dir beim Frühstück Wandertipps geben, auf die kein Reiseführer kommt. Genau das macht Sterzing interessant für alle, denen der Rummel in Meran oder am Gardasee irgendwann zu viel geworden ist.
So planst du deinen Kurzurlaub im Wipptal
- Anreise: Per Zug über den Brenner direkt bis Sterzing oder mit dem Auto über die A22, Ausfahrt Sterzing.
- Beste Reisezeit: Mai bis Oktober zum Wandern und Radfahren. Im November und Dezember lockt der Christkindlmarkt rund um den Zwölferturm.
- Kombinieren lohnt sich: Brixen, das Eisacktal und sogar Innsbruck liegen in Reichweite. Vom Brenner bis Innsbruck sind es rund 30 Fahrminuten.
Sterzing ist kein Geheimtipp im eigentlichen Sinn. Aber es ist einer dieser Orte, die du findest, wenn du bereit bist, einmal abzubiegen – weg von der Autobahn, rein ins Wipptal.
